Wunschinsel

Viele Menschen tragen in ihrem Herzen ein geographisches Märchen, das sie gern verwirklichen würden, hätten sie nur die Macht dazu. … Die nüchterne Luft des Alltags ist der wahre Lebensraum für die wunderbarsten Fern-Wünsche. Zahllose Glücksinseln gibt es, zu denen unzählige Traumdampfer fahren. Kein Fahrplan kommt dem verworrenen und bunten Wunsch-Fahrplan gleich, dessen Geisterschiffe nie ankommen. Die einen rauschen nach Tahiti, wo die Farben lodern, die anderen nach Bali, wo die Luft von Tempelmusik ertönt. Manche Reisende steigen nach Ceylon ein und nie dort aus, andere begeben sich nach Korsika oder Madeira, und man hat sie niemals dort gesehen. Ihre Segelschiffe hatten keinen Wind in der Leinwand, ihre Dampfer keine Kohle unter den Kesseln. Die Jachten der Milliardäre haben sie nicht mitgenommen. Die vermeintliche Fahrkarte in ihren Händen war nur eine abgegriffene Landkarte. Bescheidenere schickten ihre Sehnsucht nicht so weit in die Welt hinaus: sie waren mit der Roseninsel im Starnberger See oder mit der Fraueninsel im Chiemsee zufrieden. Kein Unterschied auch zwischen kleinen und großen Entfernungen: die Ziele bleiben für die Reisenden ohne Reise unerreichbar. Wie jeder von ihnen das seine hat, so haben alle das gleiche. Mit mir war es nicht anders. Ich hatte mein Madagaskar. Schon immer war es meine Wunschinsel. Ich liebte dieses Rätselland, das von Abenteuern und Geheimnissen umbrandete. Es lag in einem wunderbaren Licht. Seine Farben erglänzten mir heftig und wild. Menschen lebten dort, die einen Goldglauben ausgebildet hatten: sie hielten das gelbe Metall in der Erde vergraben und erwiesen ihm göttliche Ehren. Holten sie es hervor, taten sie es mit größter Ehrerbietung; sie küßten es, als wäre es eine Reliquie ihrer Ahnen. Schon in meiner Knabenzeit wußte ich, wie glücklich man dort lebte. In Madagaskar war alles viel besser als anderswo. Man hatte mir erzählt oder ich sagte es mir selber: die madagassischen Kinder brauchten keinen Lebertran zu nehmen …
Wenn sie schon in die Schule gingen, hatten sie reizende Lehrer mit denen sie Ausflüge in die Urwälder unternahmen oder am Meer badeten. Das war ein Land! Lang wirkte sein Kinderzauber in mir nach. Und auch die Erwachsenen hatten es gut. Jeder hatte genug zum Leben. Madagaskar war meine Kummermedizin, von der ich ab und zu bei seelischem Unbehagen einen Tropfen nippte. Spielte mir einer übel mit, konnte ich mir erlauben, ihn nach Madagaskar einzuladen. Die Insel hatte ja ihre zwei Seiten: eine für mich, im Osten, wo es schön, grün und fruchtbar ist, und eine für den anderen, im Westen, wo die heißen Steppen liegen mit Sand und Sandflöhen. Wer in den schönen Gegenden lebte, befand sich in langem Urlaub. Unter Palmen und Lianen rekelte er sich, rauchte sein Pfeifchen, hörte den braunen Papageien zu und dem Geschrei der Halbaffen, sah das Zuckerrohr wachsen, die Ananas und die Vanille, und blickte auf ein stilles Segel draußen auf dem blauen Indischen Ozean. Verspürte er Hunger, langte er sich eine Brotfrucht vom Baum, eine Kokosnuß, Bananen und Mangusten. Von anderen Dingen, für die ebensogut gesorgt war, ganz zu schweigen. So märchenhaft ging es in meinem Madagaskar zu. Aber nicht weniger wunderbar in meiner eigenen Wirklichkeit. Eines Tages mitten im Juni kam ein Mann zu mir und sagte: “Willst du nicht mit mir nach Madagaskar fahren?” Das war ein Wort! Zuerst war ich sprachlos, dann entgegnete ich dem Doktor Denso aus Dresden, der als Ingenieur nach Madagaskar gerufen war: “Topp, einverstanden, ich fahre mit und werde auf der fernen…

…Schmetterlingsinsel den berühmten Nachtfalter Actias cometas fangen, den goldgelben Riesen, nach dem mich schon so lange gelüstet!” Der Doktor lachte, wie wenn er an dem Erfolg zweifle, ich aber packte vertrauensvoll meine Koffer, holte, da es in eine französische Kolonie ging, das Visum beim französischen Konsulat und fuhr mit dem Doktor außer Landes.Auf solche Weise verwirklichte sich meine Wunschinsel. Ich habe sie kennengelernt, die meeresferne Freude. Genau so war es dort, wie ich es mir vorgestellt hatte. Alles stimmte. Wunsch und Wirklichkeit deckten sich.Der Traum verging, die nicht weniger schöne Wirklichkeit blieb.

Friedrich Schnack
Große Insel Madagaskar, 1942

Mit freundlicher Genehmigung, Sebastian Schnack, 2003©.