Wirtschaft und Politik

Madagaskar ist ein Agrarland. Über 80% der Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft in bäuerlichen Klein- und Kleinstbetrieben und leben überwiegend von Subsistenzwirtschaft. Der Anteil der Landwirtschaft am BruttoInlandsProdukt liegt bei 30%. Im trockenen Westen und Süden ist die Zebu-Rinderzucht von Bedeutung. In Bewässerungskulturen wird Reis angebaut, das Hauptnahrungsmittel der Madagassen, sowie Zuckerrohr und Baumwolle. Für den Export wichtigste landwirtschaftliche Produkte sind Crevetten, Vanille, Sisal, Gewürze und Kaffee. Obwohl das Land an Bodenschätzen reich ist – Chrom, Glimmer, Graphit, Edelmetalle und Edelsteine – ist deren wirtschaftliche Bedeutung und ihr Anteil am Export gering. Die Industrie verarbeitet vor allem Agrarprodukte und erzeugt Verbrauchsgüter. Ihr Anteil am BIP liegt bei 12%. In den seit den 1990er Jahren für ausländische Investoren ausgebauten steuerbegünstigten Freihandelszonen werden Textilien, Lederwaren und Schuhe überwiegend für den Export produziert. Der Dienstleistungssektor mit den Bereichen Transport, Tourismus und Telekommunikation trägt zur Hälfte des BIP bei. Die wirtschaftliche Entwicklung Madagaskars leidet vor allem unter der mangelhaften Verkehrsinfrastruktur – es gibt kein funktionierendes Schienennetz und nur wenige gute Straßenverbindungen, die ganzjährig befahrbar sind –, aber auch unter Rechtsunsicherheit und Strukturschwächen der öffentlichen Verwaltung. Seit Mitte der 1990er Jahre wurden in Zusammenarbeit mit Internationalem Währungsfond und Weltbank einige Fortschritte gemacht.

Umstrukturierung der Wirtschaft, Privatisierung und Steuerreformen führten zu einem stetigen Wirtschaftswachstum von 2% in 1996 bis zu 6% in 2001. Diese Entwicklung ist jedoch Anfang 2002 bedingt durch die politische Krise nach den Präsidentschaftswahlen vom 16. Dezember 2001 dramatisch eingebrochen. Generalstreik, Straßenblockaden, Brückensprengungen, Lahmlegung der Zentralbank und Einfrieren der Devisenreserven des Landes haben die gesamte Wirtschaft zum Stillstand gebracht. In der Freihandelszone waren die meisten Betriebe geschlossen und die Belegschaften entlassen. Der Tourismus war völlig zusammengebrochen. In der Landwirtschaft und im Fischfang wurde zwar produziert, aber der Verkauf auf den Binnenmärkten brachte keine Erlöse mehr, und so schritt die Verarmung der Landbevölkerung weiter fort.

Nach Etablierung der neuen Regierung und ihrer internationalen Anerkennung geht es mit dem Land wieder bergauf. Mit Hilfe von Internationalem Währungsfond, Weltbank und Eurpäischer Union wurde die Erneuerung der Infrastruktur in Angriff genommen, ein Kampf gegen die Armut eingeläutet und eine Kampagne gegen Korruption gestartet. Staatspräsident Ravalomanana hob bei seiner Neujahrsansprache 2006 insbesondere die Verbesserungen beim Straßenbau hervor, 805 km instandgesetzte Nationalstraßen, beim Schulbau, 1800 neue Klassenräume und Steigerung der Schulbesuchsquote auf 90%, beim Ausbau des Gesundheitswesens, die wieder ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Reis und die Verbesserung der landwirtschaftlichen Infrastruktur.

Am 3. Dezember 2006 wurde der amtierende madagassische Staatspräsident Marc Ravalomanana mit der erforderlichen absoluten Mehrheit von knapp 55% der Stimmen im ersten Wahlgang wiedergewählt. In unserer Stadt Belo/Tsiribihina erhielt Ravalomanana 51,5% der Stimmen, bemerkenswert deshalb, weil Belo zur Provinz Tulear gehört, der einzigen Provinz Madagaskars, in der er von einem lokalen Gegenkandidaten besiegt wurde. Anders als bei seiner ersten Wahl vor fünf Jahren, als sein Wahlsieg umstritten war und das Land monatelang kurz vor einem Bürgerkrieg stand, verlief der Wahlkampf, wie wir bei unserem Besuch im November selbst miterleben konnten, weitgehend problemlos. Viele internationale Wahlbeobachter bescheinigten dann auch, dass der Wahlgang, von kleineren Zwischenfällen abgesehen, korrekt abgelaufen ist. Präsident Ravalomanana kann also für die nächsten fünf Jahre seine Modernisierungspolitik fortführen.

Die madagassische Regierung hat im vergangenen Jahr einen „Madagascar Action Plan” (MAP) aufgestellt. In Anlehnung an die Milleniumsziele der Vereinten Nationen, und unter tatkräftiger Mitwirkung des deutschen Präsidentenberaters Dr. Joachim Ensslin, wurden darin mittelfristige Entwicklungsziele für die verschiedenen Politikbereiche definiert. So soll beispielsweise die Schulbesuchsquote bis 2012 von heute 55% auf 90% angehoben werden. Die durchschnittliche Lebenserwartung soll bis dahin auf über 65 Jahre gesteigert und die Kinderzahl pro Frau auf durchschnittlich 3 gesenkt werden. Ganz wichtig dabei die Entwicklung des ländlichen Raums: Heute besitzen nur 10% der Bauern Eigentumstitel für das Land, das sie bebauen; 2012 sollen es 75% sein, die über Grundbesitzurkunden verfügen. Und die Produktivität in der Landwirtschaft soll verdoppelt werden – statt 3,5 Millionen Tonnen Reis heute dann 7 Millionen. Im Bereich Umwelt ist eine Ausweitung der Naturschutzgebiete von 1,7 Mio ha auf 6 Mio ha geplant, und der Umfang der alljährlich durch Buschfeuer vernichteten Flächen soll von 556.000 ha auf unter 200.000 ha reduziert werden. Zu all dem gehört 2012 eine angestrebte Wachstumsquote der gesamten Volkswirtschaft von über 10%.

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