Reportage von Klaus Heimer
11.01.2010 13:47 von Toky Rajaobelina
Pferde zugeritten, Kühe gehütet und jetzt im «Wilden Westen» Madagaskars
Die 21-jährige Anja Nickel aus Zorneding im Landkreis Ebersberg hat schon in Bolivien bei der Auswilderung von Jaguaren geholfen, auf einer Ranch in Argentinien Pferde zugeritten, auf Schusters Rappen die Alpen überquert, ist per Drahtesel von ihrem Heimatort bis Spanien geradelt und absolviert derzeit ein Praktikum im „Wilden Westen" der immer noch geheimnisumwitterten Tropeninsel Madagaskar.
Nur wenige Wochen nach dem Abitur an der Fachoberschule Technik in München hat sie erneut den Koffer gepackt und ab ging es für gut ein halbes Jahr mit 25 Kilo Gepäck auf die 8000 Kilometerentfernte Gewürzinsel Madagaskar, die gleichsam Afrika und Asien en miniature ist.
Ihre erste „Auszeit" nahm Anja nach der Realschule, tingelte 2005 ein Jahr lang durch Argentinien, Peru, Bolivien, Uruguay und Chile und verknüpfte dabei das Reisen mit dem Arbeiten. Einmal den Weg der Reisenden eingeschlagen, blieb sie dabei und versucht fortan ihre neuen Leidenschaft in jedem freien Zeitraum auszuleben. In den Sommerferien 2006 hat die couragierte junge Frau dann, wieder alleine, zu Fuß die Alpen überquert - von München bis Beluno. 2007 führte eine Radtour durch die Schweiz und Frankreich auf dem Jakobsweg nach Spanien. „Das waren gut 3000 Kilometer in rund viereinhalb Wochen." 2008 hat es Anja für fünf Wochen auf eine abgelegene Alm in der österreichischen Bergwelt gezogen, wo sie alleine rund 40 Kühe mit Kälbern und Ziegen hütete. Nahrungsmittel brachte der Bauer alle ein bis zwei Wochen auf die Hütte. „Der Durst wurde mit dem Wasser aus einer nahe gelegenen Quelle gestillt und das einfache Leben nach dem Licht des Tages ausgerichtet, da jegliche Elektrizität fehlte."
Vor dem Schulabschluss ist Anja Nickel dann auf die Suche nach einer neuen Herausforderung gegangen. Bei einer Veranstaltung im Eine Welt-Haus in München Ende 2008 wurden Kontakte zum Vorsitzenden des Vereins „Freunde Madagaskars", Erich Raab, geknüpft. Dieser unterstützt seit 1994 die Grundschule Bemarivokely der Stadt Belo sur Tsiribihina, hat dort 2001 ein kleines Bildungszentrum mit Bibliothek eröffnet und fördert dank zahlreicher Spender 18 junge Leute mit guten schulischen Leistungen aus ärmlichen Verhältnissen. „Das Projekt hat mich angesprochen, die Weichen waren schnell gestellt und hier bin ich", strahlt Anja unter der Tropensonne Afrikas.
Die ersten Brocken in der Landessprache Malagasy kommen der 21-Jährigen bereits flott über die Lippen. Im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen profitieren beide Seiten sprachlich. Anja Nickel und ihre Kollegin Hannah Winkel aus dem saarländischen Dudweiler sind natürlich die Attraktion in dem kleinen Ort, abgeschnitten von der Zivilisation durch den Fluss im Süden und der unbewohnten Weite im Norden. Touristen gibt dort nur auf der Durchreise, vom südlich gelegenen Morondava Richtung Tsingy de Bemaraha, eine felsenzerklüftete Landschaft mit Mikroklima. In der Regenzeit ist das Städtchen dann zeitweise von der Außenwelt komplett abgeschnitten. Dann gibt es nur noch die Einheimischen und die beiden Mädchen.
„Salut, vazaha (=Hallo, Fremder, Weißer) tönt es auf Schritt und Tritt, wenn Anja und Hannah durch den Ort schlendern. Und wenn sie in der Grundschule mit ihren 1000 Schülern und rund 20 Lehrern Unterricht in Mathematik oder Englisch erteilen, dann drängen sich Neugierige in Zehnerreihen an den Fenstern. "So lernt halb Belo gleich mit! Oft wird das Unterrichten dadurch erschwert, doch der Enthusiasmus, mit dem die Schüler bei der Sache sind, macht das wieder mehrfach wett."
Zusammen mit fünf Kindern und dem betreuenden Ehepaar leben die beiden gemeinsam in einem Haus in der Nähe vom Markt, wo die täglichen Einkäufe von Fisch, Reis und ein wenig Gemüse getätigt werden. In dem Haus befindet sich auch eine Bibliothek, die allen Schülern aus Belo zur Verfugung steht. „Vier feste Wände und ein Dach über dem Kopf, ist für die Verhältnisse vor Ort schon ein Komfort, wohingegen das Loch im Boden als Toilette und der Gartenschlauch als Dusche anfangs gewöhnungsbedürftig waren." Die vielseitige Kultur der Sakalava, dem ansässigen Volksstamm, lernen die Neulinge nach und nach mit Hilfe der Familie, Lehrern und den Dorfältesten kennen und achten.
Aus eigenem Engagement heraus wurde nach und nach die Verbindung zur öffentlichen Grundschule aufgebaut und die Hilfe vor Ort erweitert. Die Leiterin der Grundschule zeigte sich hellauf begeistert über das Angebot der beiden jungen Deutschen, bei der Hausaufgabenhilfe, dem Mathematik- und dem Sprachunterricht mitzuwirken. Und die sportlichen Deutschen sind in der Heimat von Pfeffer und Vanille auch oft auf dem Basketballfeld zu finden. Zudem erwerben sie sich derzeit bei der Errichtung eines Internats für die Stipendiaten am Ortsrand auch Kenntnisse im Hausbau.
Die vielfältigen Eindrücke werden im Tagebuch und mit dem Fotoapparat festgehalten, Internetanschluss gibt es nur alle paar Monate in der 100 Kilometer entfernten Stadt Morondava. Zur Visumverlängerung mussten die beiden jungen Deutschen rund 700 Kilometer mit dem Auto in die Hauptstadt Antananarivo zurücklegen und benötigten für diese Strecke, die üblicherweise per Buschtaxi in maximal 48 Stunden bewältigt wird, genau sechs Tage. In Malaimbandy, wo die Welt zu Ende zu sein scheint und von welchem Ort man für eine 110 Kilometer lange Piste sechs und mehr Stunden benötigt, machte der Motor schlapp und so ging es zurück nach Morondava. Nach drei Tagen war das Fahrzeug von Projekteiter Adolphe dann endlich wieder startklar. „Halt mora mora (="langsam, langsam" oder „Immer mit der Ruhe"), wie der ganze Lebensrhythmus hier", merkt Anja trocken an.
In schöner Erinnerung ist eine dreitägige Flussfahrt auf dem Tsiribihina oder auch ein Ausflug in das Kirindy-Waldgebiet mit seinen vielen Lemurenarten. Nach dem Praktikum soll die seit einem Putsch im März von einem Politchaos gebeutelte und gelähmte Insel dann noch intensiver erkundet werden: „Wir wollen och mehr von den unterschiedlichen Volksgruppen und Kulturen kennen lernen, noch mehr von der so unterschiedlichen Landschaft Madagaskars sehen, entdecken und erleben und noch mehr Zeit so weit weg von Deutschland verbringen, wo schon das Studium mit all seinen neuen Anforderungen auf uns wartet."
Augenblick