Belo

Belo sur Tsiribihina – nicht zu verwechseln mit dem Badeort Belo sur mer südlich von Morondava – liegt im Westen Madagaskars am Nordufer des Flusses Tsiribihina, etwa 20 km vor seiner Mündung in den Kanal von Mosambik. Der Distrikt Belo (Stadt und dazugeörige Dörfer im Umland) hat ca. 70.000 Einwohner. Wieviele Einwohner die Stadt genau hat, kann der Bürgermeister nicht sagen, denn es gibt kein Einwohnermeldeverzeichnis. Die Menschen wohnen überwiegend in armseligen wellblechbedeckten Häusern/Hütten aus Holz; lediglich die öffentlichen Einrichtungen – Rathaus, Krankenhaus und Schulen – sowie einige Geschäfte und zwei einfache Hotels sind in gemauerten Gebäuden untergebracht.

Belo ist nur schwer zu erreichen. Die einzige Straßenverbindung ist eine 100 km lange Piste von der südlich gelegenen größeren Stadt Morondava. Während der Regenzeit ist diese Piste aber häufig selbst mit allradgetriebenen Fahrzeugen kaum befahrbar. Hinzu kommt, dass der Fluss Tsiribihina, der mit einfachen Booten überquert werden muss, das Übersetzen von Kraftfahrzeugen nur selten zulässt, weil der Wasserstand für die aus mehreren kleinen Booten zusammengesetzte primiti- ve Fähre entweder zu niedrig oder zu hoch ist. Belo ist folglich praktisch eine autofreie Stadt; abgesehen von einigen Lkws und Geländewagen pakistanischer Kaufleute, einem Taxi-Brousse (öffentliches Buschtaxi), das die Verbindung zu den nördlich gelegenen Dörfern und Siedlungen herstellt, und gelegentlich vorbeikommenden Geländefahrzeugen madagassischer Behörden, internationaler Organisationen oder von Reiseveranstaltern erfolgt der Personen- und Warentransport fast ausschließlich mit Hilfe von Ochsenkarren. Zweimal in der Woche – einmal auf dem Flug von Antananarivo nach Morondava und zum zweiten Mal beim Rückflug – landet eine kleine Twin Otter der Air Madagaskar auf einer Landepiste mit einem Windsack als einziger technischer Ausrüstung nahe der Stadt.

Belo war lange Zeit auch telefonisch nicht zu erreichen – es gibt bis heute kein Telefonfestnetz. Die einzige Fernmeldeverbindung zur Aussenwelt bestand aus einem privaten Amateurfunkgerät eines indopakistanischen Geschäftsmannes. Aber Mitte 2006 wurde endlich ein Mobilfunknetz in Betrieb genommen - eine immense Erleichterung auch für unser Projekt. Noch gibt es kein Fernsehen; und mit einem normalen Rundfunkempfänger ist auch nur ein einziger Sender von Radio Madagaskar zu empfangen. Seit kurzem gibt es allerdings zwei kleine UKW-Sender, die mehrere Stunden täglich Musik und lokale Nachrichten ausstrahlen.

Aber es gibt elektrischen Strom – es sei denn das örtliche Treibstofflager der Mineralölgesellschaft ist gerade wieder einmal leer, und der Generator der Elektrizitätsgesellschaft muss infolgedessen seinen Betrieb einstellen. Das Wasser für die Stadt kommt aus dem Fluss, ist nicht trinkbar, und wie der Strom so fällt auch die Wasserleitung aus, wenn der Sprit für die Pumpen fehlt.

Die Menschen in Belo leben überwiegend von Subsistenzwirtschaft, d. h. sie verkaufen und tauschen auf dem Markt, was sie selbst produzieren: landwirtschaftliche und handwerkliche Erzeugnisse. Es gibt keine Bank und keinen Supermarkt. Kaum jemand verfügt über ein regelmäßiges Einkommen, und wenn, dann ist es äußerst gering. Der Monatslohn eines Grundschullehrers beträgt umgerechnet etwa 50 Euro. Zwar ist die Gegend gerade wegen des großen Flusses relativ fruchtbar und die Flussmündung auch reich an Fischen und Meeresfrüchten, aufgrund der schlechten Infrastruktur können die Menschen davon aber kaum profitieren. Die Armut der Menschen ist mit Händen greifbar.

Eine besondere Herausforderung für die Stadt sind die vielen Kinder. Der Leiter des Schulamtes geht davon aus, dass über die Hälfte seiner Bewohner Kinder im Schulalter sind. Das liegt daran, dass viele Kinder von Bauernfamilien aus den umliegenden Dörfern zum einen aus Sicherheitsgründen aber auch, um dort zur Schule gehen zu können, von ihren Eltern in die Stadt geschickt werden. Dort haben sie aber zumeist kein richtiges Zuhause, sind bei Verwandten und Bekannten provisorisch untergebracht oder hausen in primitiven Verschlägen oder Gemeinschaftsunterkünften.

Das Schulwesen von Belo ist auf den ersten Blick gut ausgebaut. Es gibt alle allgemeinbildenden Schularten bis zum Abitur. In vier öffentlichen Grundschulen werden ca. 2000 Kinder unterrichtet, dazu kommen eine kleine evangelische und eine größere katholische Grundschule mit 500 Kindern. Ein öffentliches und ein katholisches Collège – Sekundarschule I – wird von 350 bzw. 100 Schülerinnen und Schülern besucht. Und das staatliche Lycée – die gymnasiale Oberstufe – hat ca. 150 Schülerinnen und Schüler. Aber allen Schulen mangelt es an qualifizierten Lehrkräften insbesondere für Fremdsprachen. Und die sächliche Ausstattung, Lehr- und Lernmittel, Räume und Gebäude sind katastrophal.

In einer Beziehung aber hat Belo in Madagaskar eine herausragende Rolle. Die Stadt ist die alte Hauptstadt des Volkes der Sakalava-Menabe und damit ein Zentrum traditioneller madagassischer Kultur. Noch heute wohnt die Königsfamilie der Sakalava hier und hütet die in einem besonderen Haus untergebrachten Reliquien der alten Könige. Alle 5 Jahre werden im Rahmen des bedeutendsten traditionellen madagassischen Festes, der Fitamboha, diese Reliquien hervorgeholt und zeremoniell im Fluss Tsiribihina gereinigt.